Interdisziplinäres Seminar mit Exkursion und Ausstellung

08. Dezember 2025
bis 12. Dezember 2025

Im Rahmen der interdisziplinären Winter School der Agentur für Aufbruch „Zeitz-seeing – Eine topologische Suche nach der Moderne“ erkundeten Studierende aus Design, Architekturgeschichte und Humangeographie in einer intensiven Kompaktwoche die Stadt Zeitz im südlichen Sachsen-Anhalt. Ziel des Seminars war es, Stadt nicht nur über Text, sondern auch, über die Erfahrung vor Ort, sinnlich und experimentell zu erschließen und dabei die Frage nach der Moderne in einer postindustriell geprägten Stadt neu zu stellen.

Zeitz als Lern- und Forschungsraum

Zeitz ist eine Stadt, in der der Rückgang industrieller Produktion ebenso sichtbar ist wie aktuelle Versuche der Umnutzung, kulturellen Aneignung und Reaktivierung. Orte wie die ehemalige Kinderwagenfabrik ZEKIWA, die Brikettfabrik Hermannschacht, der Dom oder das Museum Schloss Moritzburg bildeten wichtige Bezugspunkte für die Auseinandersetzung mit industriellem Erbe, Hochkultur und städtischem Wandel.

Während gemeinsamer Spaziergänge, Ortsbegehungen und Gespräche näherten sich die Teilnehmenden der Stadt aus unterschiedlichen Perspektiven und testeten qualitative Methoden der Stadtraumanalyse. Vorbereitet wurde die Arbeit vor Ort durch die Lektüre zentraler Texte aus Architektur- und Raumtheorie, u. a. von Kevin Lynch, Colin Rowe und Fred Koetter, sowie aus der Humangeographie, u.a. Doreen Massey, Ash Amin und Nigel Thrift, die Fragen nach Stadtbild, Wahrnehmung, Collage und urbaner Ordnung aufwarfen. Eine Listening-Session mit Aufnahmen des Komponisten Luc Ferrari lenkte die Sinne auf akustische Dimensionen und verdeutlichte, dass Stadt auch Soundscape ist.

Unter der Oberfläche

Foto: Mareike Pampus

Ein besonderer Programmpunkt war die Führung durch das Unterirdische Zeitz. Die historischen Keller- und Gangsysteme unter der Altstadt eröffneten eine zusätzliche, oft unsichtbare Dimension der Stadt: als Speicher-, Arbeits- und Schutzräume, in denen sich ökonomische, soziale und historische Prozesse eingeschrieben haben. Der Blick in den Untergrund schärfte das Verständnis von Stadt als mehrschichtigem, sedimentiertem Raum, der weit über seine sichtbare Oberfläche hinausgeht, begleitet von den Erzählungen der ehrenamtlichen Stadtführerinnen und -führer.

Sammeln, Ordnen, Collagieren

Foto: Mareike Pampus

Zentrales Element des Seminars war die Übersetzung der Beobachtungen in collageartige Formate. Fotografien, Skizzen, Klänge, Fundstücke und Texte wurden gesammelt, neu kombiniert und zueinander in Beziehung gesetzt. Die Collagen dienten dabei nicht nur als ästhetische Ausdrucksform, sondern als analytisches Werkzeug, um widersprüchliche Eindrücke, Überlagerungen von Zeiten und Räumen sowie offene Fragen sichtbar zu machen.

Im Fokus stand dabei immer wieder die Frage:

Wo lässt sich in Zeitz die Moderne finden? Ist sie noch präsent, bereits vergangen oder vielleicht nie vollständig angekommen? Welche Konzepte sind mit dem Begriff der Moderne verbunden?

Ausstellung und Abschluss

Foto: Felix Kolb

Am Ende der Woche wurden die entstandenen Arbeiten in einer kleinen Ausstellung in der Außenstelle der MLU, am Neumarkt 3 in Zeitz, zusammengeführt und präsentiert. Fotografische und textliche Fragmente, Multimedia-Installationen und Plakate zeichneten ein vielschichtiges Bild der Stadt und ihrer unterschiedlichen Räume, Geschichten und Übergänge. So wurde deutlich, wie produktiv interdisziplinäres, ortsbezogenes Arbeiten sein kann. Die vorsichtigen Beobachtungen und Kompositionen von Details eröffneten neue Lesarten des Stadtraums und luden dazu ein, die gewohnten extraktivistischen Praktiken von Forschenden und damit verbundene Vorstellungen von Stadtentwicklung, Transformation und Zukünften zu hinterfragen. Die Ergebnisse sind Momentaufnahmen einer intensiven und gleichermaßen zeitlich stark beschränkten Ortserkundung.

Das Seminar war eine Kooperation zwischen der Design- und Architekturgeschichte der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und der Humangeographie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg unter der Leitung von Dr. Christina May und Dr. Mareike Pampus.

Teilnehmende: Amelie Assenbaum, Fritz Breuer, Friederike Brings, Paul Dieckmann, Tim Feber, Julie Kauke, Mees Menzner, Nils Neumeister, Ashton Pierce, Nick Piesker, Friederike Pleik, Boris Shushchenko, Verena Siebeck, Björn Thiede, Emily Tujder, Jana Voigt

Foto: Mareike Pampus