Das Spazieren gehört zu den alltäglichsten Formen der Fortbewegung und eröffnet doch immer wieder neue Perspektiven auf den urbanen Raum. Welche Potenziale das bewusste Schweifen für unsere Wahrnehmung von Stadt und Gesellschaft birgt und wie daraus Impulse für Teilhabe und Veränderung entstehen können, diskutierten die Stadtforscherin Nora Küttel sowie Kathrin Gölz und Lisa Herbst vom Projekt Die Schweiferei im Rahmen der Gesprächsreihe Struktur & Wandel am 03.07.2026. Bereits vor der Veranstaltung konnten Interessierte bei einem gemeinsamen Stadtschweif eigene Erfahrungen sammeln, auf die im anschließenden Gespräch immer wieder Bezug genommen wurde.
Zu Beginn der Diskussion stellte sich die Frage, was das Schweifen von einem gewöhnlichen Spaziergang unterscheidet. Schnell wurde deutlich, dass es weit mehr sein kann als Bewegung von einem Ort zum nächsten. Es bietet Gelegenheiten für Begegnung, Austausch und eine neue Wahrnehmung der eigenen Umgebung. Lisa Herbst bezeichnete das Schweifen als „eine Art Idee gegen Einsamkeit und für Austausch“, während Nora Küttel besonders dessen Niedrigschwelligkeit hervorhob. Gerade weil das Gehen weder Vorkenntnisse noch finanzielle Mittel erfordere, eröffne es vielen Menschen einen unkomplizierten Zugang, den eigenen Stadtraum bewusst zu erleben. Kathrin Gölz betonte, dass es darum gehe, eben nicht nur durch einen Ort hindurchzugehen, sondern ihn aufmerksam wahrzunehmen und sich mit ihm in einer neuen Form auseinanderzusetzen. Auch die Erfahrungen der Teilnehmenden bestätigten dieses Potenzial. Ein Besucher erzählte, er hätte „nicht erwartet, dass das so einfach ist“, mit Menschen unterschiedlichen Alters ins Gespräch zu kommen. Deutlich wurde außerdem, dass das Schweifen ein erster Schritt sein kann, um eigene Haltungen im Bezug zur Stadt zu hinterfragen und sich mit diesen auseinanderzusetzen. Es schafft die Grundlage, Fragen an den urbanen Raum zu stellen und eröffnet damit Möglichkeiten für Beteiligung und gemeinsames Gestalten.
Zum Abschluss richtete sich der Blick auf die Frage, was nach dem Schweifen kommt. Einigkeit bestand darin, dass zwischen Wahrnehmen und Gestalten kein unmittelbarer Schritt liegt. Vielmehr eröffnet das bewusste Erkunden des Stadtraums Möglichkeiten, die eigene Haltung zu reflektieren und alltägliche Räume neu zu lesen. So wurde das Schweifen nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als Einladung, Stadt aufmerksam zu erleben und den öffentlichen Raum als Ort der Begegnung und Teilhabe neu zu entdecken. Das Gespräch wurde von Felix Kolb moderiert.